Neujahrsempfang 25.01.2012: "Wenn nur der Sieger noch etwas gilt ..."

26.01.2012: Kammerpräsident warnt: Gefühl der Unzulänglichkeit breitet sich immer mehr aus und fördert Depressionen

Frau Senatorin Renate Jürgens-Pieper und Karl Heinz Schrömgens

Pressemitteilung 25.01.2012

Der traditionelle gemeinsame Neujahrsempfang der Bremer Ärzte-, Zahnärzte- und Psychotherapeutenkammern sowie der beiden Kassenärztlichen- und Kassenzahnärztlichen Vereinigungen am Mittwoch, 25. Januar, bot Karl Heinz Schrömgens, Präsident der Psychotherapeutenkammer, Gelegenheit, sich mit der drastischen Zunahme seelischer Erkrankungen auseinander zu setzen. In seiner Ansprache, die von den Präsidenten bzw. Vorsitzenden der vorgenannten Institutionen in turnusmäßigem Wechsel gehalten wird, ging der Psychotherapeut auch auf die jüngsten Ereignisse um das Verhalten von Bundespräsident Wulff ein: „Für mich steht die Intensität und die lange Dauer der öffentlichen Diskussion für die Suche nach ethischer Orientierung, nach einem klaren Kompass in einer Welt, die aus dem Ruder zu laufen scheint.“

Dass viele Menschen Halt und Orientierung verloren haben, wird nach Schrömgens Worten auch in einer Verdoppelung der Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen in den letzten 20 Jahren deutlich. Der Kammer-Präsident: „Die Erwerbsminderungsrenten aufgrund psychischer Erkrankungen stiegen innerhalb von 15 Jahren von 15,5 auf 35,6 Prozent. Seelische Erkrankungen verursachen direkte jährliche Kosten von 28,7 Milliarden Euro – ohne Ausgaben infolge von Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung.“

Am Beispiel der Zunahme des Burn-out-Syndroms, das gegenwärtig die Grundlage zahlreicher Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen bildet, machte er deutlich, dass es offenbar für Patienten leichter sei, sich mit dieser Diagnose krankschreiben zu lassen, als beispielsweise mit einer Depression. Offenbar sei das Burn-out-Syndrom die Depression der Erfolgreichen. Denn, so der Psychotherapeut in seiner Rede, wer ausgebrannt sei, müsse einmal gebrannt haben. Ausgebrannt sein stehe also für vorherige Tüchtigkeit und Leistungsfähigkeit. Insofern habe der Begriff Burn-out auch etwas mit Verschleierung zu tun, „nämlich der Verschleierung des Scheiterns an den inneren und äußeren Anforderungen. Wenn wir den Kernbereich dessen, was als Burn-out beschrieben wird, als Depression verstehen, dann bleibt die Frage, warum es zum Ende des letzten Jahrhunderts und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts zu einer so massiven Zunahme depressiver Erkrankungen gekommen ist.“

In Anlehnung an den französischen Soziologen Ehrenbergs ging Schrömgens auf die Depression als eine Krankheit ein, in der der Einzelne durch die Spannung zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen zerrissen wird. In ihr drücke sich die Tragödie der Unzulänglichkeit aus. Der Kammerpräsident:“ In Zeiten, in denen nur der Sieger noch etwas gilt und der Zweite und Dritte schon dem Vergessen anheimfällt, greift das Gefühl, unzulänglich zu sein, immer stärker um sich.“

Die vollständige Rede von Psychotherapeutenkammer-Präsident Karl Heinz Schrömgens zum Neujahrsempfang der Bremer Heilberufe finden sie im Anhang.

Ansprechpartnerin:

Dipl.-Psych. Helga Loest
Beisitzerin im Vorstand der Psychotherapeutenkammer Bremen

Kontakt: Tel. 0421 - 43 73 47 93
E-Mail: helga@loest.net

Zugehörige Dateien:
Rede des Kammerpräsidenten Karl Heinz SchröngensDownload (61 kb)
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