Essstörungen interdisziplinär behandeln!

19.06.2008: Am 14.06.2008 fand die erste Kooperationsveranstaltung der Ärztekammer und der Psychotherapeutenkammer Bremen statt.

Neben dem inhaltlichen Thema "Anorexia nervosa" ging es um die Idee, gemeinsam über die Entwicklung eines professions- und organisationsübergreifenden Netzwerkes zur Behandlung Essgestörter in Bremen nachzudenken. Aus diesem Grund wurden neben den relevanten Arztgruppen und Psychotherapeuten alle anderen Berufgruppen eingeladen, die mit Essgestörten arbeiten: präventiv, in der Selbsthilfe, in Beratungsstellen, im betreuten Wohnen.

Mit über 50 Teilnehmern war die Veranstaltung sehr gut besucht; die Arbeitsatmosphäre war konstruktiv und konzentriert. Überwiegend nahmen (stationär oder ambulant tätige) Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten teil, aber auch andere Berufsgruppen aus dem stationären oder ambulanten Versorgungsbereich: somatisch versorgende Ärzte, Pädiater, Psychiater, Kinder- und Jugendpsychiater. Auch das Mädchenhaus Bremen und das betreute Wohnen (SOS) waren vertreten.

Die Referentin, Dr. med. Wally Wünsch-Leiteritz, Fachärztin für Innere Medizin, Psychotherapie und Ernährungsmedizin, hat zwei Essstörungstherapiebereiche/Zentren aufgebaut: Den ersten über 10 Jahre in der Seeparkklinik in Bad Bodenteich mit bis zu 120 Behandlungsplätzen für alle Formen und Schweregrade von Essstörungen und den zweiten, das Kompetenzzentrum für Essstörungen, seit Mai 2006 in der Klinik Lüneburger Heide in Bad Bevensen. Dort arbeitet sie als leitende Oberärztin.

Frau Wünsch-Leiteritz spannte in ihrem Vortrag einen großen Bogen: Esspsychotherapie ohne Einsatz von Magensonden auch bei schwersten Anorexien, Multifamilientherapieprogramme, Entwicklung von Versorgungssystemen in der umfassenden Behandlung von Essstörungen in Klinik, essstörungsspezifisch betreutem Wohnen (über die Jugendhilfe und seit neuestem auch die Sozialhilfe) und im ambulanten Bereich mit Beratungsstelle für Essstörungen mit niedrig schwelligen Angeboten. ADHS Diagnostik/Therapie von Essgestörten mit Impulskontrollstörungen oder bei therapieresistenten Fällen mit Mehrfachselbstschädigung.
Sie ging - unter Einbeziehung wissenschaftlicher Studien und eigener Forschungsergebnisse - ausführlich auf körperliche Aspekte und Gefahren der Magersucht ein und leitete daraus medizinische und psychotherapeutische Handlungsnotwendigkeiten und Behandlungsstandards ab.
Der inhaltlich sehr reichhaltige - mit vielen Beispielen und Bildern untermalte - Vortrag fand in seiner Professionalität großen Anklang bei den Teilnehmern. So kam am Ende von einigen Teilnehmern der Vorschlag, diese Veranstaltung zu wiederholen mit dem Ziel, allen Berufsgruppen, die mit Essgestörten arbeiten, dieses wichtige Basiswissen und die Behandlungsstandards zu vermitteln.

Auch das Thema Netzwerkbildung fand große Zustimmung. Etliche haben sich bereiterklärt, an diesem Vorhaben aktiv mitzuwirken.