Wartezeiten auf Psychotherapie bei Bremer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten

30.06.2010: Hohe Rücklaufquote bei Umfrage der Psychotherapeutenkammer

Im zurückliegenden Jahr wurde die PKHB mit unterschiedlichen Berichten über lange Wartezeiten auf psychotherapeutische Behandlungsplätze konfrontiert. Krankenkassen beschwerten sich wegen zunehmender Anträge auf Kostenerstattung. Das Bremer Frauenforum bemängelte insbesondere Wartezeiten bei Mädchen und Frauen von bis zu zwei Jahren. Aber auch in den örtlichen Medien wurden Patienten zitiert, die innerhalb von sechs Monaten über 40 Psychotherapeuten vergeblich wegen eines Behandlungsplatzes kontaktiert hatten. Zugleich berichteten Psychotherapeuten selbst von unterschiedlichen Erfahrungen. Manche sprachen von raschen Vermittlungsmöglichkeiten. Andere, die eine Warteliste führten, wunderten sich, wenn Patienten, die auf ihrer Liste standen, bei Rückruf keinen Bedarf mehr hatten und offensichtlich schon in Therapie waren. Darüber hinaus überraschten manche Patienten damit, dass es ihnen möglich war, Erstgespräche bei mehreren Psychotherapeuten parallel zu vereinbaren.

Vor diesem Hintergrund beschloss der Vorstand der PKHB eine Umfrage unter den Psychotherapeuten zu Wartezeiten durchzuführen, um über aussagekräftige Daten für die Diskussionen mit den verschiedenen Akteuren im Bremer Gesundheitswesen verfügen zu können. Im November 2009 wurden alle Psychologischen Psychotherapeuten, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und Ärztlichen Psychotherapeuten in Bremen und Bremerhaven angeschrieben und um Beantwortung des beigelegten Fragebogens gebeten. Von den 524 angeschriebenen Kolleginnen und Kollegen antworteten 279. Der Rücklauf von 53,2 % ist ein deutliches Anzeichen dafür, wie wichtig den Befragten dieses Thema war.

Die Richtlinienverfahren verteilen sich in der Umfrage wie folgt: 37% haben eine Zulassung für Analytische Psychotherapie (AP). Bis auf 1% haben diese auch eine Zulassung für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP). Eine Zulassung in ausschließlich tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie haben 43 % und in Verhaltenstherapie (VT) 20%. Dabei zeigt sich, dass bei den ärztlichen Kolleginnen und Kollegen die Verhaltenstherapie unter und die „Nur-Tiefenpsychologie“ überrepräsentiert sind. Verhaltenstherapeutische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sind in der Untersuchung gar nicht vertreten, sondern ausschließlich Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten mit dem Verfahren AP/TP.

Wöchentliche Arbeitszeit (siehe auch Tabellenanhang)

Neben den Grunddaten wurden auch die regelmäßigen Behandlungszeiten pro Arbeitswoche für GKV- und für Privatpatienten erfasst. Bei der Auswertung der wöchentlichen Arbeitszeit zeigt sich eine breite Palette. Nur eine kleine Gruppe von 8% arbeitet bis zu 10 Stunden in der Woche therapeutisch. 14 % erbringen zwischen 11 und 20 Stunden. Die Hälfte, genau 50%, liegen zwischen 21 und 30 Stunden und 28 % leisten mehr als 31 Stunden pro Woche. Die Bremerhavener Kollegen erbringen im Schnitt mehr Stunden als die Bremer Psychotherapeuten, keiner der Befragten gab weniger als 15 Stunden an. Bei den ärztlichen Kollegen liegt die Anzahl mit einer geringeren Anzahl an wöchentlichen Therapiestunden deutlich höher. Möglicherweise fallen in dieser Gruppe auch ärztliche Kollegen, die nicht überwiegend psychotherapeutisch tätig sind.

Wartezeiten (siehe auch Tabellenanhang)

Gefragt wurde nach Wartezeiten für Erstgespräche, Wartezeiten bis zu einem Therapiebeginn und danach, ob Krisenintervention angeboten wird, und welche Wartezeit hier besteht. Die Mehrheit der Psychotherapeuten bietet relativ kurzfristig Termine für Erstgespräche an. Meist dauert es zwei bis drei Wochen. Bemerkenswert dabei ist, dass die Wartezeit bei den Kollegen, die eine geringe wöchentliche Arbeitszeit haben, am längsten ist. Das spricht dafür, dass die geringe Wochenarbeitszeit nicht auf einen Mangel an Nachfrage, sondern als persönliche Entscheidung verstanden werden kann. Die Wartezeit auf ein Erstgespräch ist bei Verhaltenstherapeuten im Schnitt länger als bei den anderen Therapieverfahren.

In Bezug auf den Therapiebeginn gibt es eine breitere Streuung. Hier ist der häufigste Wert zwölf Wochen, also drei Monate. Auch hier haben Verhaltenstherapeuten eine längere Wartezeit als andere. Am schnellsten bekommt man einen Therapieplatz bei den Kollegen, die zehn bis zwanzig Stunden in der Woche arbeiten, am längsten dauert es bei denen, die mehr als 30 Stunden arbeiten. Bei den Kollegen mit Doppelzulassung AP/TP ist die Wartezeit auf eine analytische Therapie deutlich länger als auf eine tiefenpsychologische Therapie. Die Wartezeit bei Kindern ist mit durchschnittlich elf Wochen (Zehn Wochen häufigste Nennung) tendenziell kürzer als bei Erwachsenen und spricht sehr für den Vermittlungsdienst der analytisch arbeitenden Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten.

Überraschung löste in der Auswertung die Angaben zu den Kriseninterventionsangeboten aus. Mehr als 70 Prozent gaben an, dass sie eine solche Krisenintervention innerhalb einer Woche anbieten. „Nein“ wurde kaum angekreuzt, aber mehr als 10% machten keine Angaben. Möglicherweise ist dieses hohe Ergebnis auf ein Missverstehen der Fragestellung zurückzuführen, nämlich dass die Befragten diese Frage ausschließlich auf ehemalige oder in Behandlung befindliche Patienten und Patientinnen bezogen haben.

Betrachtet man die Ergebnisse, so lässt sich zusammenfassend feststellen, dass die durchschnittlichen Wartezeiten auf Therapiebeginn von 15,2 Wochen im Land Bremen den Ergebnissen entsprechen, wie sie aus anderen Regionen bekannt ist. Wartezeiten von 20 Wochen für Erstgespräche und 50 Wochen bis Therapiebeginn stellen absolute Ausnahmen unter den Befragten dar. Allerdings belegt die Standardabweichung von 12,3 Wochen, dass es bei Wartezeiten unter den Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten eine große Streubreite gibt. Fazit: Die Ergebnisse belegen, dass trotz der oft beschworenen sogenannten „Überversorgung in Bremen (156 %) und Bremerhaven (117 %) erhebliche Versorgungsdefizite vorhanden sind. Allerdings verweisen die Ergebnisse auch auf sehr unterschiedlich lange Wartezeiten bei den Psychotherapeuten. Als zentrales Problem kann dabei die fehlende Steuerung der Patientensuche angesehen werden. Gelänge es, psychisch kranke Menschen, die nach Behandlung suchen, schneller an freie Behandlungsplätze heranzuführen, könnte dies zu einer deutlichen Entspannung der oft beklagten prekären Versorgungssituation führen. Insofern können die Ergebnisse Suchende ermuntern, sich nicht von Angaben über aktuell fehlende freie Behandlungsplätze abschrecken zu lassen. Wer gezielt eine Verhaltenstherapie sucht, muss in der Stadt Bremen längere Wartezeiten in Kauf nehmen, das mag an dem relativ unterdurchschnittlichen Angebot an Verhaltenstherapeuten in Bremen im Gegensatz zu Bremerhaven liegen.

Zugehörige Dateien:
PKHB- Umfrage: Tabellen zu Arbeits- und WartezeitenDownload (228 kb)