China zwischen Geschichte und Moderne

12.11.2012: Fachexkursion der PKHB nach Peking begeisterte die Teilnehmer

„Wann bietet die Kammer die nächste Fachreise an? China zu erleben und die Gespräche mit Fachkollegen, das war so hochspannend und beeindruckend.“ Ayse Yildiray, Psychotherapeutin aus Bremen, drückte aus, was wohl alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer empfunden haben. China zwischen Tradition und Moderne, diese Eindrücke wurden als faszinierend und befremdend zugleich wahrgenommen.

17 Personen hatten sich zu der einwöchigen Fachexkursion nach Peking angemeldet: Kammermitglieder sowie Freunde und Angehörige, mehr als die Hälfte nutzte die Möglichkeit, ein 4- tägiges Anschlussprogramm mit Besuch der „Kaiserstädte“ Luoyang und Xian, tausend Kilometer südwestlich von Peking, zu buchen. Am Pekinger Flughafen wurde die Gruppe vom Reiseleiter Herrn Cai in Empfang genommen, eine kleine Reisegruppe des Hartmann- Bundes, der ebenfalls mit dem Fachreisedienst Bartsch eine Reise arrangiert hatte, schloss sich den Bremer Kollegen an. Unser chinesischer Begleiter führte uns mit seinen ausgezeichneten Sprachkenntnissen und seiner Kenntnis von Land und Leuten kundig durch Peking. Ihm gelang es, Begeisterung für das alte, aber auch für das neue China zu wecken, ohne die Schattenseiten zu verbergen.

Die ersten beiden Tage standen ganz im Zentrum der Akklimatisierung und dem Besuch der touristischen Höhepunkte: Himmelstempels und „Verbotene Stadt“, der alte Kaiserpalast, und der vorgelagerte „Platz des himmlischen Friedens“

Platz des himmlichen Friedens

Platz des himmlichen Friedens

, auf dem tausende Chinesen in langen Schlangen den Sonntag nutzten, um das Mao- Mausoleum zu besuchen. Peking präsentierte sich als eine Weltstadt, lebendig und pulsierend; die riesigen Wolkenkratzer und der ungebrochene Bauboom, der dichte Verkehr, in dem moderne Mittelklassewagen dominierten, brachten zum Staunen und wirkten zugleich eigentümlich gewaltsam. Verwöhnt wurde die Gruppe vom sonnigen Wetter während des gesamten Aufenthaltes. Vom gefürchteten Smog war glücklicherweise nichts zu spüren. Der Besuch der „Großen Mauer“, mit dem ein schweißtreibender Aufstieg über viele Stufen verbunden war, stellte für viele Teilnehmer die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches dar und war ein Höhepunkt der Reise.
Neben dem touristischen Programm nahm das Fachprogramm einen wichtigen Raum ein. Als erstes stand der Besuch eines „Psychologisch- psychotherapeutischen Beratungszentrums“ an.
Besuch im psychotherapeutischen Beratungszentrum

Besuch im psychotherapeutischen Beratungszentrum



Wir wurden sehr herzlich empfangen. . Nach der gegenseitigen Vorstellung führte Dr. Sun Yu Xiao, Leiter des Zentrums in die Arbeit ein. Zu unserer Überraschung ist das Zentrum privatwirtschaftlich organisiert, die Finanzierung erfolgt hauptsächlich über Verträge mit Pekinger Betrieben, die für die Behandlung ihrer Mitarbeiter psychotherapeutischen Sachverstand einkauften. Daneben kann das Zentrum auch direkt aufgesucht werden, die Patienten haben allerdings die Kosten selbst zu tragen. Es zeigte sich, dass die 16 psychotherapeutischen Mitarbeiter ein integriertes Psychotherapieverständnis auf psychodynamischer Grundlage vertreten, in dem neben Psychoanalyse und Verhaltenstherapie Konzepte der humanistischen Psychotherapie, vor allem von Rogers aufgenommen wurden. Dr. Sun selbst verfügt über einen Masterabschluss in Psychologie mit anschließender Promotion in Angewandter Psychologie, mit staatlicher Lizenz zur Ausübung von Psychotherapie. Im Vordergrund der Arbeit stehen das psychische Belastungserleben im betrieblichen Umfeld, aber auch zunehmend psychische Probleme von Jugendlichen, z.B. Internetsucht und Schulverweigerung. Gerade das letztere Problem gewinne vor dem Hintergrund des konfuzianisch- hierarchischen Selbstverständnis von Familien und der zwar inzwischen aufgeweichten, aber im Grundsatz noch geltenden „Ein-Kind-Politik“ eine besondere Bedeutung. Die Wünsche und Erwartungen der Eltern, aber auch der beiden Großeltern- Paare, die auf dieses Kind gerichtet werden, seien enorm. Zugleich haben diese Kinder in einer solchen Gemengelage wenige Freiräume zur Selbstentwicklung. Daneben werden Ehe- und Sexualprobleme, wenn auch noch zögerlich, zunehmend an das Zentrum herangetragen. Ältere Menschen würden wenig erreicht, diese fühlten sich häufig, auch ohne materielle Sorgen, als „vergessene“ Gruppe. Im Zentrum wird nur mit psychotherapeutischen Mitteln gearbeitet. Wenn medikamentöse Behandlung notwendig wird, geschieht dies über Kooperation mit einer psychiatrischen Klinik. Im Anschluss an diesen Informationsteil entwickelte sich eine spannende Diskussion anhand von zwei Fallbeispielen. Zum einen stellte eine Bremer Psychotherapeutin ein Kind mit einer Angstproblematik vor, zum anderen Dr. Sun eine junge Frau, die unter einem depressiven Syndrom litt. Es zeigte sich, dass trotz der kulturellen Unterschiede sich rasch ein gemeinsames Verständnis herausbildete. Von dieser Begegnung auf der Fachebene waren alle Teilnehmer äußerst angetan.

Ein weiterer Programmpunkt stellte der Besuch der psychiatrischen Klinik des „Beijing Anding Hospital“ dar. Zunächst fand eine Besichtigung des Hauses statt. Wir konnten Einblick in die Aufenthaltsräume der Patienten und in die verschiedenen Angebote der Klinik, z.B. Ergotherapie, Seidenmalerei, Kalligraphie nehmen. Eine Teilnehmerin, die in der bremischen Psychiatrie tätig ist, zeigte sich beeindruckt von der lebendigen Stimmung, die die Patienten ausstrahlten. Vorrangige Krankheitsbilder waren Schizophrenie, depressive und bipolare Störungen sowie Substanzerkrankungen. Dr. Wu Jiang, ein junger Arzt, stellte in einer Power-Point- Präsentation die Geschichte und Arbeit der Klinik dar. Insbesondere betonte er die Auswirkungen des Modernisierungsschubes in China auf die psychische Verfassung der Menschen. Im Anschluss informierte die Klinikleiterin, Frau Professor Yang, über die Entwicklung der Psychotherapie und besonders der Psychoanalyse in China. Sie selbst gehörte zur ersten Generation von Psychoanalytikern, die in den Jahren 1988 – 99 von der Deutsch- Chinesischen Akademie für Psychotherapie in Peking ausgebildet wurde. Diese Trainings fanden mit maßgeblicher deutscher Unterstützung statt, aber auch Fachkollegen anderer Länder beteiligten sich aktiv. Frau Yang berichtete von einer zunehmenden gesellschaftlichen Anerkennung der Psychotherapie. Insbesondere staatliche Stellen hätten erfahren, wie hilfreich der Einsatz von Psychotherapeuten insbesondere bei Traumatisierungen infolge von Massenunfällen und Naturkatastrophen gewesen ist.

Zum Fachprogramm zählte darüber hinaus der Besuch des Pekinger Krankenhauses für traditionelle chinesische Medizin (TCM). Dr. Chen Pong stellte die Arbeitsweise des Hauses vor und demonstrierte an einem Patienten mit halbseitiger Lähmung seine Akupunktur- Technik. Er verwies darauf, dass neben der traditionellen Medizin ebenfalls eine Integration der Schulmedizin, wenn erforderlich, erfolge. Neben der stationären Behandlung unterhält die Klinik auch eine rege in Anspruch genommene Ambulanz. Eindrücklich war der Besuch der Apotheke der Klinik, in der auf der Basis eines jahrhundertealten Erfahrungswissens Mischungen aus verschiedenen Kräutern und Naturprodukten hergestellt werden.

Neben diesem Fachprogramm fanden weitere Besichtigungen des alten und modernen Peking statt. Stolz wurde uns das Olympiagelände mit dem „Vogelnest“ im Zentrum vorgeführt. Der Besuch des alten Sommerpalastes und des Lama- Tempels, einer tibetisch- buddhistischen Gebetsstätte, schloss das touristische Programm ab. Zeigten sich die Teilnehmer in den ersten Tagen noch verunsichert, sich infolge fehlender Sprach- und Schriftkenntnisse frei zu bewegen, wurden sie zunehmend mutiger, so dass sie sich auch ohne Reiseleiter ins Pekinger Gewühl stürzten. Besonders noch vorhandene Altstadtbereiche in Chaocheng lösten einen starken Anreiz aus, sich außerhalb von Hochhausschluchten zu bewegen.

Am Ende der ersten Woche hieß es dann für sieben Teilnehmer Abschied nehmen. Sie reisten zurück nach Bremen, während die Übrigen den Nachtzug nach Luoyang nahmen, um die Grotten von Longmen, das Shaolinkloster, und am nächsten Tag die alte Kaiserstadt Xian zu besuchen, in deren Nähe die erst vor 40 Jahren entdeckte „Terracotta- Armee“ auf dem Programm stand. Die Teilnehmer waren sich einig im Urteil: Eine in allen Belangen sehr gelungene Reise ins China von heute.

K.H.Schrömgens

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