Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten im Krankenhaus - Status und Perspektiven

23.07.2013: Angestelltenforum der PKHB: Podiumsdiskussion führt zu interessanter Diskussion und neuen Handlungsperspektiven

Hatten viel zu diskutieren: Dr. Heidrun Gitter, Axel Janzen, Karl Heinz Schrömgens, Jutta Dernedde, Peter Härtl und Professor Dr. Robert Francke (von links)

Angestellte Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Bereichen der stationären und ambulanten Versorgung waren im Juni der Einladung des Vorstands der PKHB gefolgt. Das Podium war hochkarätig besetzt:
Prof. Dr. Robert Francke, Institut für Medizinrecht der Universität Bremen
Staatsrat Peter Härtl, Senator für Gesundheit Bremen
Jutta Dernedde, Medizinische Geschäftsführerin des kommunalen Klinikverbundes „Gesundheit-Nord“
Dr. Heidrun Gitter, Vorsitzende des Marburger Bundes Bremen und Präsidentin der Ärztekammer Bremen
Karl Heinz Schrömgens, Präsident der PKHB
• Moderation: Axel Janzen, Beisitzer im Vorstand der PKHB

Die PKHB hatte in den vergangenen Jahren mehrere Initiativen gestartet, um zu einer Verbesserung des Status angestellter Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten zu gelangen. Im Gegensatz zu den niedergelassenen Vertragspsychotherapeuten ist die Gleichstellung mit der „Facharztgruppe“ im Klinikbereich noch nicht erreicht, jedoch wurden erste Schritte realisiert:
• So konnte im neuen Krankenhausgesetz des Landes Bremen den Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten das Recht zugestanden wurde, eigenverantwortlich psychotherapeutische Abteilungen zu leiten. Ebenfalls wurde das Letztentscheidungsrecht von Psychotherapeuten analog den Fachärzten für fachliche Belange festgeschrieben.
• Im Dezember 2011 legte PKHB die Stellungnahme „Zum Rechtsstatus angestellter Psychotherapeuten in Krankenhäusern und Kliniken“ vor. Darin wurde bundesweit erstmals klargestellt, welche Tätigkeiten in Kliniken und Krankenhäusern ausschließlich Psychotherapeuten und den entsprechenden Fachärzten vorbehalten sind und welche delegiert werden dürfen.

Zunächst stellte Karl Heinz Schrömgens erste Ergebnisse der bundesweiten Umfrage (IGES) zur Situation angestellter Psychotherapeuten vor. 55% der angestellten Kolleginnen und Kollegen sind in Krankenhäusern, Kliniken und Rehaeinrichtungen tätig, davon sind zwei Drittel weiblichen Geschlechts.
Bemerkenswert ist, dass über 60% als Diplom-Psychologen angestellt, davon ca. 8% als ‚Leitende Psychologen‘.42% gaben „Leitungsfunktionen“, allerdings ohne Auswirkung auf die Entlohnung. Zudem hatte die Approbation als Psychologischer Psychotherapeut bei 75% keinen Einfluss auf die Vergütung.
Interessanterweise sind im Rehabereich jedoch 37% Kolleginnen und Kollegen, bei denen die Leitungstätigkeit einen Einfluss auf das Einkommen hat. Am Ende seines kurzen Vortrages wies er noch auf das Einstiegsgehalt eines Facharztes hin, welches z.Zt. mit 5.332€ angegeben wird und setze es zu Einkommen von Psychotherapeuten in Bezug.

Im Anschluss referierte Prof. Dr. Robert Francke zum Status und den Perspektiven der Psychotherapeutenim Krankenhaus. Er nannte die Professionalisierung der beiden Berufsgruppen einen wichtigen Prozess. Festzuhalten sei, dass psychotherapeutische Behandlung Heilbehandlung sei, entsprechend § 27 SBG-V.
Krankenbehandlung muss wissenschaftlich begründet und mittels wissenschaftlich anerkannter Verfahren durchgeführt werden. Eine berufsrechtliche Gleichstellung zu den ärztlichen Kolleginnen und Kollegen besteht aus juristischer Sicht. So seien Delegationen von Leistungen möglich, soweit in ihrer Funktion delegierbar, wenn sie überwacht werden würden (z.B. Testungen, psychoedukative Gruppen, etc.). Im Krankenhaus stünden somit die entsprechenden Fachärzte sowie Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten für die direkte Krankenbehandlung zur Verfügung. Diplom-Psychologen könnten im Krankenhaus einbezogen werden, jedoch nicht für nichtdelegierbare Krankenbehandlung, die ausschließlich Approbierten zustehe.
In der anschließenden Diskussion, bestätigte er, dass das Psychotherapeutengesetz 1998 auf die Schaffung einer hinreichenden Versorgung im niedergelassenen Spektrum abzielte. Die Situation von angestellten Psychotherapeuten wurde dabei weniger betrachtet, was angesichts der ca. 60% angestellten Kolleginnen und Kollegen in den Kammern doch etwas überrasche. Um in Tarifverhandlungen eine Rolle spielen zu können, müssten die Psychotherapeuten sich in den Verbänden und Gewerkschaften organisieren!

Jutta Dernedde, bekräftigte eingangs ihr Interesse an dem Papier zum Rechtsstatus. Sie möchte eine interne Diskussion darüber initiieren. Auch ihr ärztlicher Leiter, Prof Zimmermann, sei daran außerordentlich interessiert. Dazu sei insgesamt auch ein „neuer“ Dialog wichtig, zu dem sie die PKHB gerne einlade. Sie habe zudem bereits während ihrer vorherigen Tätigkeit im Klinikum Ochsenzoll die Psychotherapeuten als innovativ und engagiert erlebt – dort seien auch Eingruppierung bis Entgeltgruppe 15 möglich gewesen, allerdings keine sogenannte „Oberarztstelle“ für Psychotherapeuten ausgewiesen gewesen. Als wichtige Neuerung habe sie daran mitgewirkt, dass z.Zt. 30 „Ausbildungsplätze“ für die Praktische Ausbildung, für ein geringes Entgelt von 500€/Monat in Bremen zur Verfügung stehen. Das sei zwar nicht viel, aber immerhin eine Form der Anerkennung der geleisteten Arbeit und positiv für die angehenden Psychotherapeuten.
Die von Prof. Francke genannten rechtlichen Aspekte seien ihr außerordentlich wichtig. Sie wisse auch, dass Psychotherapeuten in Leitungsfunktionen eingesetzt werden, wobei sie in der Diskussion darauf hinwies, dass Psychotherapeuten im Rahmen der Krankenhaus- Buchführungsverordnung im sogenannten „medizintechnischen Dienst“ eingruppiert werden. Die Möglichkeit für Psychotherapeuten, in Leitungsfunktionen zu gelangen, ergeben sich allein schon durch die Tatsache, dass derzeit zehn Ärztestellen im Klinikum nicht besetzt sind.

Dr. Heidrun Gitter schlug vor, bei der Reform der Ausbildung die ärztliche Ausbildung zum Vorbild zu nehmen. Sie betonte, dass sie als Ärztin keine „Berührungsängste“ habe, zudem im Team häufig das Gleiche getan werde. Das Erreichen eines Facharztstandes für angestellte Psychotherapeuten sei mit dem kommunalen Arbeitgeberverband jedoch so gut wie unmöglich, da dieser durch Verwaltungsjuristen geprägt sei. Bundesweit seien da noch sehr dicke Bretter zu bohren. Eine stärkere Interessenvertretung der Psychotherapeuten in den Krankenhäusern regte aber auch sie an, wobei die jeweiligen Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Formen von Gewerkschaften und Verbänden abgewogen werden müsse.

Peter Härtl benannte die landesrechtliche Situation bei der Anerkennung der Berufsgruppen der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten im Landeskrankenhausgesetz als Erfolg, Bremen war das zweite Bundesland, das eine Nennung von nichtärztlichen Psychotherapeuten in einem Landesgesetz vorgenommen hat. Hinsichtlich der „Tariffähigkeit“ von Psychotherapeuten habe er jedoch keine Möglichkeit der Einflussnahme, da das Land kein Tarifpartner sei, wobei die Situation der verbeamteten Psychotherapeuten eine Ausnahme darstelle. Es bestehe keine eigene Regelung der Länder. Möglicherweise sei nach einer Ausbildungsreform und entsprechender Gesetzgebung im Bund leichter etwas Neues über die Vergütungssituation zu erreichen. Auch er stellte fest, dass bei der Durchsetzung der Interessen den Verbänden und Gewerkschaften eine besondere Bedeutung zukomme.

Karl Heinz Schrömgens betonte abschließend die Rolle, die die beiden Berufsgruppen im Rahm en der „sprechenden Medizin“ (ICD-10, F-Kategorien) spielen und wandte sich gegen die Bezeichnung „psychiatrische Behandlung“, da sie ein ausschließliches Tätigkeitsfeld einer anderen Berufsgruppe induziert. Es bestehe ein Konzeptionsproblem ‚Psychotherapeutisch vs. Psychiatrisch‘. Notwendig seien Befugniserweiterungen wie die Verordnung von Heil- und Hilfsmittel, das Recht zur Ein- und Überweisung, zur Feststellung von Arbeitsunfähigkeit. Aber auch die Möglichkeit zur Verordnung von Medikamenten (welche formell in der „Arzneimittelverordnung“ geregelt werden) dürfe auf Dauer kein Tabu sein. Der Handlungsspielraum der Politik sehe er größer als er oft dargestellt werde.

Nach einer interessanten und lebhaften Diskussion im Plenum bedankte sich Moderator Axel Janzen für die Teilnahme der Podiumsgäste und die Beteiligung an der Diskussion.