Wirkt sich Migrationshintergrund auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen aus?

01.05.2015: Auf Einladung des Arbeitskreises Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie der Psychotherapeutenkammer Bremen referierte am 11.03.2015 Esmahan Belhadj Kouider (Psychologin, M. Sc.; Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin i. A.) vor den Mitgliedern des Arbeitskreises über ihre Forschungsarbeit. Denn bisher liegen in Deutschland kaum Ergebnisse aus kinder- und jugendpsychiatrischer Versorgungsforschung vor.


Analysen der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung in Bremen


Im Rahmen eines Kooperationsprojektes zwischen dem Zentrum für Klinische Psychologie und Rehabilitation (ZKPR) an der Universität Bremen, dem Gesundheitsamt Bremen und der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie im Klinikum Bremen-Ost wurden kinder- und jugendpsychiatrische Versorgungsdaten aus Bremen und Bremerhaven analysiert. Fokus der Analysen war die Identifizierung störungsspezifischer Risikofaktoren von Kindern und Jugendlichen, unter besonderer Berücksichtigung des Migrationshintergrundes. Im Rahmen des Vortrages wurden 5 Studien aus dem Projekt vorgestellt (s. Literatur).

Zunächst wurde ein Überblick gegeben, welche Veränderungen in der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung zwischen 2005 bis 2012 (N = 7190) vorlagen. Besonders hervorzuheben ist in diesem Kontext, dass die Kinder und Jugendlichen zunehmend jünger wurden, so suchten beispielsweise Grundschüler (aber auch Gymnasiasten) vermehrt die psychiatrische Behandlung auf. Außerdem nahm der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und mit einem allein erziehenden Elternteil signifikant zu. Es lag zudem eine bedeutsame Zunahme von sozialen Belastungen wie schulischen Problemen (z. B. mit Mitschülern und Lehrern), einem unangemessenen Erziehungsstil der Eltern, einem schwierigen Lebensmilieu, belastenden Gesellschaftsfaktoren wie z. B. Diskriminierung oder psychischen Erkrankungen der Eltern vor. Besonders häufig wurden Anpassungsstörungen, Störungen des Sozialverhaltens, hyperkinetische oder emotionale Störungen diagnostiziert. Die internalisierenden Störungen (Ängste und Depressionen) haben signifikant seit 2011 in der kinder- und jugendpsychiatrischen Inanspruchnahmepopulation zugenommen.

Die weiteren Studien untersuchten, ob ein Migrationshintergrund oder eine Ethnie psychische Störungen bei Kindern oder Jugendlichen bedeutsam beeinflussen. Bei Jugendlichen mit Störungen des Sozialverhaltens konnten andere Faktoren wie ein niedriger Bildungsstatus der Eltern, ein unangemessener elterlicher Erziehungsstil oder schulischer Stress als signifikanter Einfluss für die Störung identifiziert werden, aber nicht der Migrationshintergrund. Kinder mit asiatischem Hintergrund fielen bedeutsam mit einer erhöhten Prävalenz internalisierender Störungen auf, ansonsten wurden bei diesen Störungen u. a. das weibliche Geschlecht, ein allein erziehender Elternteil oder psychische Störungen eines Familienmitgliedes als Risikofaktoren identifiziert. Russische und polnische Jugendliche wiesen eine erhöhte Prävalenz psychischer Störungen verursacht durch psychotrope Substanzen auf, während bei türkischen und arabischen Jugendlichen eine erhöhte Prävalenz der Schizophrenie, schizotypen oder wahnhaften Störungen vorlag. Bei Kindern mit Angststörungen konnte nur das weibliche Geschlecht als Risikofaktor identifiziert werden; allerdings suchten bei Kindern mit Angststörungen und mit Migrationshintergrund vermehrt Jungen die psychiatrische Behandlung auf.

Literatur

Belhadj Kouider, E., Dupont, M., Lorenz, A. L. & Petermann, F. (in Druck). Verteilungen psychischer Störungen und psychosozialer Belastungen bei Kindern und Jugendlichen einer psychiatrischen Inanspruchnahmepopulation. Psychiatrische Praxis.

Belhadj Kouider, E., Koglin, U., Lorenz, A. L., Dupont, M. & Petermann, F. (2014). Interethnische Analysen der Verteilungen psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen in einer Inanspruchnahmepopulation. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 63, 271-288.

Belhadj Kouider, E., Koglin, U., Lorenz, A. L., Dupont, M. & Petermann, F. (2013). Störungen des Sozialverhaltens bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Kindheit und Entwicklung, 22, 113-122.

Belhadj Kouider, E., Lorenz, A. L., Dupont, M. & Petermann, F. (in Druck). Angststörungen bei Kindern mit und ohne Migrationshintergrund: Risikofaktoren und Behandlungserfolg. Kindheit und Entwicklung.

Belhadj Kouider, E., Lorenz, A. L., Dupont, M. & Petermann, F. (under review). Internalizing disorders in migrant and non-migrant children: Analyses in a German health care population. Journal of Public Health.