PK Bremen kristisiert die sogenannten Modellprojekte der Gesundheitssenatorin für die Versorgung von psychisch kranken Menschen

31.10.2016: Gesundheitssenatorin stellt „Modellprojekte“ für die Versorgung von psychisch kranken Menschen vor PK Bremen kritisiert unzureichende Qualität – Ausschluss von Psychiatern und Psychotherapeuten unverständlich!

Die Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Verbraucherschutz Prof. Eva Quante-Brandt erklärte gegenüber der Presse am 24.10.16, dass in 2016 und 2017 je 1,2 Millionen € außerordentlich bereit gestellt würden, um die Versorgung zu verbessern.

Damit reagierte die Senatorin auf die vielfältigen Proteste aus Kreisen der Betroffenen, aber auch von professionellen Helfern auf das reduzierte Angebot beim Krisendienst zur Versorgung von schwerkranken Menschen mit psychischen Störungen. Zur Erinnerung: Die regionalen psychiatrischen Behandlungszentren, in denen der Sozialpsychiatrischer Dienst integriert wurde, stellten in diesem Jahr die Rund-um-die-Uhr-Versorgung von Menschen in der Krise ein. Hintergrund bildete der massive Abbau von Stellen im Öffentlichen Gesundheitsdienst (- 27 % innerhalb von 10 Jahren).

Finanziert werden mit den nun bereit gestellten Mitteln die Einrichtung eines Nachtcafés im Bremer Westen in der Zeit von19.30 und 2.30 und eine telefonische Rufbereitschaft in der Zeit von 20.30 – 9.00 (Das sind die Zeiten, die von den Behandlungszentren nicht mehr abgedeckt werden). Träger dieser Maßnahmen sind die Bremer Werkgemeinschaft und die „Gesellschaft für ambulante psychiatrische Hilfen“ (GAPSY), die beide in der Stadt Bremen für sozialpsychiatrisches Arbeiten stehen. Bis 3.00 in der Nacht würden GAPSY- Mitarbeiter auch zu Hausbesuchen herausfahren. Zusätzlich werden von der Senatorin 10 Stellen für Ex-In-Genesungsbegleiter mit jeweils 20 Wochenstunden finanziell für den Förderzeitraum ausgestattet. Das sind psychiatrieerfahrene Menschen, die an einem entsprechenden Curriculum von 300 Unterrichtsstunden über ein Jahr teilgenommen haben. Neben den oben genannten Projekten sollen die Genesungsbegleiter auch im Betreuten Wohnen, in der stationären Psychiatrie und in einem von Prof. Uwe Gonther (Klinikleiter des Ameos- Klinikums Dr. Heines) initiierten Projekt eingesetzt werden, bei dem es um Reduzierung und Absetzung von Psychopharmaka geht. Für den selbständigen Umgang mit akuten (suizidalen) Krisensituationen kann das schwerlich als ausreichender Kompetenzerwerb verstanden werden. Zum Vergleich: in Kliniken ist es selbstverständlich, dass zu jeder Zeit von approbierten (!) Assistenzärzten ein erfahrener Facharzt hinzugezogen werden kann.

So hilfreich diese Projekte auch im Einzelnen sind, so scheint der Begriff des Modellprojektes doch zu hoch gegriffen. Denn sowohl mit dem Einsatz von Genesungsbegleitern als auch mit Nachtcafés gibt es schon gute Erfahrungen in anderen Städten, so dass von einem modellhaften Charakter nicht die Rede sein kann. Bei der nächtlichen Rufbereitschaft ist aber besonders kritisch zu sehen, dass dieser ohne ärztlich-psychiatrische oder psychotherapeutische Kompetenz ausgestattet ist. Es wird auch von den Trägern selbst problematisiert, dass der Einsatz von Psychiatern und Psychotherapeuten nicht vorgesehen sei, da eine Finanzierung nicht gegeben ist. Somit kann von den dort eingesetzten Mitarbeitern Selbst- und Fremdgefährdung wie auch Suizidalität nicht qualifiziert eingeschätzt werden. Als Folge ist zu befürchten, dass dann in diesen Fällen betroffene Menschen deren Selbststeuerungsfähigkeiten eingeschränkt sind, mit dem Streifenwagen zur Abklärung in die Notaufnahme des Klinikums Bremen-Ost transportiert werden müssen, ein Vorgang, der gerade in einem emotionalen Ausnahmezustand intensiven Leidens für Betroffene eine quälende Erfahrung darstellen kann.

Aus Sicht der PK Bremen soll die Bewerbung dieser Maßnahmen als Modellprojekte über die Konzeptionslosigkeit seitens des Gesundheitsressorts bei der Versorgung von psychisch kranken Menschen mit komplexem Versorgungsbedarf hinwegtäuschen. Dies geht auch aus dem Bericht der Besuchskommission* für den Bereich der Psychiatrie vom Juli 2016 hervor, in dem insbesondere das Klinikum Bremen- Ost in weiten Bereichen negativ beurteilt wird. Die ungünstige personelle Situation in dem Klinikum, das auch für die regionalen Behandlungszenten Mitte, Ost, Süd und West verantwortlich ist, scheint insbesondere auf die Quersubventionierung zurückzuführen sein, die in dem Bremer Klinikverbund Gesundheit Nord zugunsten des somatischen Bereich praktiziert wird. Gut unterrichtete Kreise sprechen von mindestens 30 Stellen, die dadurch entgegen den Vorgaben der Psychiatrie- Personalverordnung (PsychPV) eingespart werden. Dass in diesem Herbst die Abteilungsleiterin Gesundheit Silke Stroth nach 26 Jahren Tätigkeit im Gesundheitsressort, davon viele Jahre als Psychiatriereferentin, das Handtuch warf und ausschied, unterstreicht die gegenwärtig prekäre Situation.

Die PK Bremen äußerte ihre Befürchtung, dass die im Zuge der Psychiatriereform in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts geschaffenen damals vorbildlichen Strukturen im Rahmen einer Neuorientierung geopfert werden, ohne dass in der Politik der Gesundheit Nord eine wirkliche Konzeption erkennbar ist. So wurden im zurückliegenden Jahr die psychiatrischen Kliniken unter dem Dach eines neu benannten „Zentrums für Psychosoziale Medizin“ zusammengefasst, ohne dass ein Mehrwert durch diese Overhead- Konstruktion erkennbar ist. Umfassende Reformschritte setzen voraus, dass die Strukturen der Gesundheit Nord, deren Aufsichtsratsvorsitzende Senatorin Quante-Brandt ist, transparent gestaltet werden. Unverständlich sei auch, wie wenig die Kompetenz von Psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten bzw. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in die verantwortliche Gestaltung der Behandlung von schwer psychisch kranken Menschen als verantwortliche Behandler einbezogen würden. Psychotherapeuten erleben als Behandler in ihrer täglichen Arbeit, wie Menschen, die (vorübergehend) auf sozialpsychiatrische Behandlung angewiesen sind, von einer psychotherapeutischen Behandlung profitieren. Manchmal sogar in einem Ausmaße, dass sie nie wieder auf das sozialpsychiatrische Hilfenetz zurückgreifen müssen. Oftmals reicht es nach erfolgreicher Psychotherapie, sich in erneuten Krisensituationen an den Hausarzt oder für wenige Sitzungen an den bereits bekannten Psychotherapeuten zu wenden. Zudem ist der Einsatz psychotherapeutischer Kompetenz in den Leitlinien für die Behandlung psychisch kranker Menschen regelhaft vorgesehen.

  • Vorlage zur Deputationssitzung für Gesundheit und Verbraucherschutz v. 18.08.16