„Es gibt viel zu tun“ – Podiumsdiskussion zur psychotherapeutischen Versorgung psychisch kranker Menschen

10.05.2017: Im Vorfeld der 36. Kammerversammlung hatte hatte der Vorstand der PK Bremen am 09.05.2017 zu einer Podiumsdiskussion unter dem Motto „Wie gelingt eine bessere Versorgung psychisch kranker Menschen und eine angemessene Gestaltung des psychotherapeutischen Berufes“ mit Vertretern der Bremer Politik eingeladen.

Podium mit den Gesundheitsexperten der Parteien; Moderation Karl Heinz Schrömgens

Alle in der Bremischen Bürgerschaft vertretenen Fraktionen hatten ihre Teilnahme zugesagt; an der Diskussion teil nahmen Stephanie Dehne (SPD), Dr. Kirsten Kappert-Gonther (Bündnis 90/Die Grünen)- zugleich Spitzenkandidatin ihrer Partei zur Bundestagswahl, Rainer Bensch (CDU) sowie Dr. Magnus Buhlert (FDP) in ihrer Funktion als gesundheitspolitische Sprecher/innen ihrer Parteien. Der Vertreter der Linken, Peter Erlanson, war trotz Zusage leider nicht erschienen.

Versorgung psychisch kranker Menschen


Nach einer kurzen Vorstellungsrunde eröffnete Karl Heinz Schrömgens die Diskussion mit der Frage, wie die politischen Forderungen der letzten Jahre mit der tatsächlichen Ausgestaltung der Versorgung psychisch kranker Menschen im Lande Bremen vereinbar seien. Er nahm dabei Bezug auf einen 2013 von allen Fraktionen verabschiedeten Beschluss zur Weiterentwicklung der Psychiatriereform, während gleichzeitig in den letzten Monaten zentrale Einrichtungen der Versorgung, wie der Krisendienst geschlossen wurden und das Klinikum Bremen Ost aufgrund von eklanten Mängeln in der Versorgungsqualität dauerhaft in der Kritik stand.

Zunächst ergriff Frau Kappert-Gonther, die als

v.l.: Kirsten Kappert-Gonther, Stephanie Dehne, Karl Heinz Schrömgens

ärztliche Psychotherapeutin die Politik für psychisch kranke Menschen in Bremen maßgeblich vorangebracht hat, das Wort und erläuterte zunächst, dass die Verabschiedung des Bürgerschaftsentschlusses ein wichtiger und zentraler Schritt dahin war, Anliegen psychisch kranker Menschen in der Politik stärker sichtbar zu machen. Gleichzeitig räumte sie ein, dass alle Fraktionen die Entscheidung, den Krisendienst zu schließen, mitgetragen hätten. Frau Dehne und Herr Bensch erläuterten dazu weiter, dass im Haushaltsnotstandsland Bremen dafür auch ökonomische Überlegungen eine wichtige Rolle gespielt hätten. Gleichzeitig habe eine Bewertung des Krisendienstes aber auch ergeben, dass dieser die gesetzten Ziele nicht hinreichend erfüllt habe. Herr Bensch betonte, dass mit dem Nacht-Café jetzt eine Alternative zum Krisendienst geschaffen werden konnte, die nach den ersten Eindrücken gut angenommen werde. Herr Buhlert warf dabei ein, dass es in der Folgezeit darum gehen werde, diese Einrichtung großflächig in Bremen zu implementieren. Frau Kappert-Gonther führte aus, sie sehe zwei wesentliche Bedingungen solcher Krisenanlaufstellen: Das eine sei die Schaffung eines niederschwelligen Angebotes, wie es durch das Nacht-Café jetzt erreicht werde, das andere seien aber auch aufsuchende Hilfen. Hier schien es jedoch noch keine weiteren Überlegungen zu geben. Bezogen auf die geplante Evaluation der neuen Projekte zeigte sich auf Nachfrage aus dem Plenum, dass es dazu bislang kein konkretes Konzept gibt.

v.li.: Rainer Bensch, Magnus Buhlert

Darüber hinaus forderten die teilnehmenden Politiker einhellig eine stärkere Vernetzung und die Regionalisierung von stationärem, teilstationärem und ambulanten Sektor. Insbesondere Patienten mit komplexem Hilfebedarf bedürfen einer stärkeren Kontinuität im Behandlungsverlauf. Der Einwand aus dem Auditorium, dass entsprechende Vernetzungsleistungen aktuell nicht honoriert würden, wurde von allen anerkannt und als Ansatzpunkt für weitere Verbesserungen genannt. Vorstandsmitglied Amelie Thobaben führte darauf hin aus, dass auch im ambulanten Bereich eine Reihe von Versorgungsproblemen bestünden, insbesondere auch in Bezug auf lange Wartezeiten bei gleichzeitigem Abbau von Kassensitzen durch die KV. Auch hier gab es Zustimmung aus den Reihen der Politik.

Ein weiteres Thema war die Situation in stationären Einrichtungen. Einerseits würden Studien zeigen, dass die Versorgungsqualität in diesem Bereich deutlich mit durch das psychotherapeutische Angebot bestimmt würde, andererseits würde dies in der Planung und in der Eingruppierung psychotherapeutischer Leistungen nicht berücksichtigt. Der Ärztemangel sei insbesondere in der Psychiatrie spürbar, wodurch zunehmend Psychologische Psychotherapeuten gefordert werden, diese Leerstellen aufzufüllen. Dabei sollte jedoch auch eine gleichwertige Eingruppierung und Bewertung psychotherapeutischer und ärztlicher Leistungen erfolgen. Frau Kappert-Gonther sprach sich dafür aus, dass auch Psychologische Psychotherapeuten Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und Verordnungen für Ambulante Psychiatrische Pflege sowie für Ergo- und Logotherapie ausstellen können.

Finanzierung von Dometscherleistungen


Etwas differenzierter wurde die Situation zu fremdsprachigen Ärzten in der Psychiatrie diskutiert. Während die Bedeutung eines geteilten sprachlichen und kulturellen Hintergrunds als Voraussetzungen für eine gelingende psychotherapeutische Arbeit einhellig geteilt wurde, warf Herr Buhlert ein, dass auch fremdsprachige Ärzte und Therapeuten vor dem Hintergrund der immer größeren Diversivität der Bevölkerung wichtig seien, um Versorgung zu gewährleisten. Hier solle man weniger auf Bescheinigungen und formale Qualifikationen achten, sondern stärker darauf, was wo gebraucht würde. Auch Frau Dehne stimmte zu, dass die Äquivalenzprüfungen in diesem Bereich überdacht werden müssten, um hochqualifizierte Personen mit Migrationshintergrund stärker einbinden zu können.

Frau Kappert-Gonther stimmte dabei explizit auch den Forderungen der Kammer zu, dass Dolmetscherleistungen dringend in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen werden müssen, um eine Versorgung geflüchteter Menschen zu ermöglichen.

Reform der Psychotherapie-Ausbildung


Das Publikum diskutierte mit

Kurz wurden auch die Reform der Ausbildung und die Vergütung von Psychologischen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten angerissen. Zur Reform der Ausbildung äußerten die Fraktionsabgeordneten einhellig ihr Bedauern, dass dies entgegen des Koalitionsvertrages nicht in dieser Legislaturperiode realisiert werden konnte. Herr Bensch verwies in diesem Zusammenhang auf die lange Zeitdauer, die die Reform der Pflegeausbildung in Anspruch genommen hatte; bei solchen Vorhaben sei häufig aufgrund ihrer Komplexität und der Vielzahl betroffener gesetzlicher Regelungen „ein dickes Brett zu bohren“. Frau Kappert-Gonther betonte noch einmal, dass sie die Reform hin zu einem grundständigen Psychotherapie-Studium mit Abschluss Approbation für „richtig und wichtig“ halte, um prekären Ausbildungssituationen vorzubeugen und der Arbeit der Psychotherapeuten auch entsprechend ihrer Qualifikation zu würdigen.

Vergütung psychotherapeutischer Arbeit


Als letzten Themenbereich ging es um die Bezahlung psychotherapeutischer Tätigkeit. Herr Schrömgens richtete den Appell an die Politik, die Psychotherapeuten bei einer gerechten Entlohnung ihrer Arbeit zu unterstützen. Hier habe die Selbstverwaltung ihre Grenzen erreicht; Psychotherapeuten könnten nicht den gleichen Druck aufbauen, wie andere Berufsgruppen und seien in den letzten Jahren bei entsprechenden Tarifvereinbarungen und Honoraranpassungen stets benachteiligt wurden. Hier gab es von allen Seiten viel Verständnis; Herr Bensch äußerte sich überrascht über die deutliche Diskrepanz zwischen Gehältern von Ärzten und von Psychologischen Psychotherapeuten. Dies sei ihm bislang nicht so klar gewesen und er stimme der Forderung zu, dass es hierzu Anpassungen im SGB V geben müsse. Frau Kappert-Gonther bemerkte auch aus eigener Perspektive, dass sie selbst es nicht nachvollziehen könne, warum seit Jahren probatorische Sitzungen – und jetzt nach der neuen Richtlinie auch Sprechstunden, die häufig einen höheren Aufwand bedeuten als reguläre Therapiestunden – geringer vergütet werden. Ähnliches gelte auch für die Gesprächsziffer, die häufig auch in akuten Krisen zur Anwendung komme. Herr Schrömgens ergänzte, dass auch eine Aufwertung der Gesprächsleistungen insgesamt in die Diskussion gebracht werden sollte. Insgesamt zeigte sich in den politischen Auffassungen zur Gesundheitspolitik eine große Einigkeit zwischen den verschiedenen Fraktionen. Alle Teilnehmer betonten, dass einerseits bedeutsame Mängel in der Versorgung bestehen, andererseits aber auch vieles auf den Weg gebracht werde. Die Politik sei sich der Bedeutung der Versorgung psychisch kranker Menschen bewusst. Frau Dehne sagte in ihrem Abschluss-Statement zu, dass Positionspapier der Kammer, dass sie als sehr hilfreich erlebt habe, in ihrer Partei auch auf Bundesebene diskutieren zu wollen. Herr Bensch wolle sich des Themas Kostenerstattung annehmen und darüber mit Vertretern der Kassen ins Gespräch kommen. Insgesamt bewerteten alle Teilnehmer die Diskussion als konstruktiv und fruchtbar.

Weitere Themen der 36. Kammerversammlung

Im Anschluss an die fast zweistündige Podiumsdiskussion fand die 36. Kammerversammlung statt. Neben dem Tätigkeitsbericht des Vorstands gab es einen Austausch zu den bisherigen Erfahrungen mit der Umsetzung der neuen Psychotherapierichtlinie. Zwei Kolleginnen lobten die Veränderungen in der Antragstellung und im Bericht an den Gutachter, die echte Arbeitserleichterungen bedeuten würden. Eine weitere Kollegin beklagte, dass sie durch die Sprechstunde zunehmend in die Situation käme, für Therapie geeignete und bedürftige Patienten wegschicken zu müssen ohne Möglichkeiten für eine zeitnahe Versorgung benennen zu können. Frau Thobaben vom Vorstand wies in diesem Zusammenhang noch einmal darauf hin, dass in solchen Fällen auf der individuellen Patienteninformation nicht die Indikation für eine Akutbehandlung gestellt werden solle, sondern dass im Freitext-Feld auf die hohe Dringlichkeit und den Bedarf für Richtlinientherapie verwiesen werden sollte. Dies könne den Kollegen in der Kostenerstattung helfen, wieder in der Versorgung tätig zu werden und dem ergebnislosen Weiterschicken von Patienten entgegen wirken.

Abschließend verabschiedete die Kammerversammlung mit großer Mehrheit eine Resolution zur „Politik für psychisch kranke Menschen 2017-2021“, mit der der Vorstand legitimiert wurde, weitere Schritte und Initiativen in Richtung der im Positionspapier angesprochenen gesundheitspolitischen Anliegen zu unternehmen. Das Positionspapier ist im Anhang zu finden.br]

Wie immer klang der Abend mit angeregten Diskussionen bei Saft und Sekt aus.

Zugehörige Dateien:
Politik für psychisch kranke Menschen - Vorschläge der PK Bremen zur BundestagswahlDownload (376 kb)